„Meine Lebensfreude habe ich nie verloren“

Anna Faoqhi

Im Jahr 2012 erkrankt Anna Faroqhi im Alter von 44 Jahren an Eierstockkrebs. Trotz vieler Ängste während der intensiven Therapiezeit, hat sie ihren eigenen Weg gefunden, mit der Krankheit umzugehen und sich an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen. Heute ist Anna Faroqhi gesund. Mit ihrem behandelnden Arzt Prof. Sehouli sprach sie nun über ihre Krebserkrankung und die Zeit der Therapie.

 

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Frau Faroqhi, ich freue mich, Sie heute wieder voller Lebensfreude zu treffen. Vor drei Monaten haben wir Ihren Port entfernt. Wie geht es Ihnen heute damit?

Der Port war immer ein Fremdkörper für mich. Ich habe ihn drei Jahre lang getragen und habe trotz alledem lange gezögert, ihn entfernen zu lassen. Jetzt bin ich froh darüber, denn so konnte ich mich von meiner Krankheit verabschieden. Es war ein bewusster Schritt hin zu einem gesunden Leben. Mein letzter Check-up-Termin war ein tolles Erlebnis – bei mir ist alles in Ordnung.

Sie haben eine intensive Therapiezeit durchgemacht. Wann hatten Sie das Gefühl, dass Ihre Kraft und Ihre Lebensfreude zurückkehren? Meine Lebensfreude habe ich nie verloren. Doch meine Kraft kehrt erst jetzt, nachdem mein Port entfernt wurde, wieder zurück. Ich habe endlich das Gefühl, wieder der Mensch zu sein, der ich vorher war.

Eine Krebserkrankung ist für die meisten Betroffenen ein drastischer Einschnitt in ihr Leben. Was hat Sie am meisten eingeschränkt?

Am schlimmsten war für mich die Angst, die so oft präsent war. Was würde mit mir passieren? Werde ich überleben? Außerdem machte mir die intensive Therapie sehr zu schaffen. Ich habe mich permanent schwach gefühlt und war körperlich stark eingeschränkt.

Das bedeutet für Sie aber keinen Verlust Ihrer Lebensqualität?

Richtig, denn was man hat, hat man. Man kann mit allem leben. Das habe ich auch bei meiner Mutter erlebt, die vor vielen Jahren an Eierstockkrebs starb. Sie konnte sich bis zum Schluss selbst an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. So habe auch ich es empfunden – selbst in schweren Zeiten.

Wie wichtig waren und sind für Sie die Gesprächsbereitschaft und die Art der Kommunikation mit den Ärzten und anderen Menschen, die Sie therapeutisch begleitet haben?

Für mich ist das absolut entscheidend. Es ist für mich wichtig, dass mein Arzt mir zugewandt ist, wir gleichberechtigte Positionen einnehmen und auf Augenhöhe kommunizieren. Eine Geste, die mir besonders viel bedeutet hat, war, dass Sie mir bei der Diagnosemitteilung die Hand gehalten haben.

Heißt das für Sie auch, dass Sie mit Ihrem Arzt auch über Dinge sprechen können, die nichts mit der Erkrankung zu tun haben?

Ja, es geht um die Vielschichtigkeit der Beziehung, um eine Basis jenseits der Eingleisigkeit des Lebens und um wirkliches Interesse, wirkliche Anteilnahme.

So sehe ich das auch. Der Arzt sollte einerseits professionell sein, andererseits ist es gut, für Signale von außen offen zu sein. Der Kern muss Professionalität sein, der Rest kommt dazu. Wichtig ist jedoch, dass der Arzt nicht zu emotional reagiert. Vor diesem Hintergrund – wie empfinden Sie Mitleid, im Vergleich zu Mitgefühl?

Mitleid habe ich im Laufe der Therapie häufiger erfahren. Allerdings fand ich das sehr unangenehm und „klebrig“. Dadurch ändert sich ja nichts.

Meine Patientinnen sind sehr unterschiedlich, was den Umgang mit der Erkrankung und Therapie betrifft. Was hat Ihnen dabei geholfen, die Strapazen zu überstehen?

Das war vor allem mein Lebenswille. Ich wollte für meine Tochter, die zu dem Zeitpunkt noch klein war, überleben und keinesfalls klein beigeben. Während der Therapie habe ich viel gelesen, gefragt und hinterfragt, und Vieles als „interessant“ empfunden. Es half auch, mich selbst aus einer anderen Perspektive – von außen – zu betrachten. Ich habe kurz nach der Diagnose angefangen, an einem Comic über meine Erlebnisse zu arbeiten und diese damit auch zu verarbeiten. Der Comic ist nun fertig.

Viele Krebspatienten hören von ihren Mitmenschen häufiger Sätze wie „Du musst kämpfen“, „Du musst dieses oder jenes …“. Haben Sie das ebenfalls erlebt?

Allerdings. Aber niemand soll mir sagen, wie ich mich zu verhalten habe. Jeder hat seine eigene Herangehensweise beim Umgang mit einer Erkrankung. Ich habe im Laufe meiner Therapie sehr viele andere Patientinnen kennengelernt, und damit viele verschiedene Einstellungen und Wege, damit klarzukommen.

Dazu gehört in meinen Augen auch, bei den Patientinnen Kompetenzen aufzubauen und Handlungsfähigkeit herzustellen. Wie war das bei Ihnen?

Direkt nach der Operation war das Einzige, das für mich möglich war, das Atmen; das bewusste Ein- und Ausströmen meines Atems. Es hat mich beruhigt und mir ein Gefühl der Kontrolle gegeben. Später kamen dann die Arbeit an meinem Comic und die bewusste Auseinandersetzung mit meiner Situation.

Sie haben im Verlauf der Therapie an einer klinischen Studie teilgenommen. Warum?

Anfangs hatte ich Bedenken, an einer Studie teilzunehmen. Ich änderte meine Meinung aber, nachdem ich mir eine zweite Meinung eingeholt hatte. Heute weiß ich, dass meine Vorurteile unbegründet waren, denn ich habe sehr positive Erfahrungen gemacht.

Frau Faroqhi, es war schön, Sie wiederzusehen und mit Ihnen über diese sehr persönlichen Themen zu sprechen. Ich wünsche Ihnen alles Gute.

Anna Faroqhi ist Autorin, Regisseurin und Comic-Zeichnerin in Berlin. Sie realisiert Filmprojekte, gibt Vorlesungen und Kurse. Darüber hinaus engagiert sie sich gemeinsam mit ihrem Ehemann Haim Peretz für Film- und Comicprojekte, die sie gemeinsam mit Berliner Schülern realisieren.

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